Die Tütenschlepper - Kaufsucht und Hypnotherapie

 

Die Tütenschlepper
 Sucht Ab und zu zum Shoppen zu gehen, ist nicht schlimm.

Wenn es jedoch zum Zwang wird,

kann das ständige Einkaufen zur Krankheit werden.

Klartext erklärt euch, was dahinter steckt. 

    

VON FELICITAS MACKETANZ

Illertissen Hanna (Name von der Re- daktion geändert) aus Illertissen hat es schon wieder getan –

sie war in Karlsruhe, sie war am Ziel vieler junger Mädchen, sie war im Mode- tempel der Billigwaren –

Hanna war im Primark. Für Hanna bedeutet das, ihr extra für diesen Tag angespartes Geld

auf einen Schlag loszuwerden. Für Klamotten selbstver- ständlich. Denn das Shoppen, so sagt sie,

ist mehr als die Versorgung von Bedürfnissen. Es ist für sie auch eine Therapie.

Wenn sie sich zum Beispiel traurig oder gereizt fühlt.

Das ist nicht selten, meint die Heilpraktikerin für Psychotherapie und Hypnosetherapeutin Anja Hirth aus Ulm.

Denn die sogenannte Shoppingsucht gibt es tatsächlich. Rund 60 Prozent der Betroffenen seien

junge Frauen zwischen 20 und 30 Jahren. Außerdem betreffe die anerkannte Krankheit

alle Schichten der Bevölkerung, so Hirth. Ursachen einer Kaufsucht, wie die Krankheit

auch genannt wird, können viele sein. Häufig aber geht diese Art von Suchterkrankung

mit anderen psychischen Krankheiten einher, wie beispielsweise Depressio- nen oder Ängsten.

Rund jeder dritte Betroffene, so die Hypnosetherapeutin, leide zusätzlich unter einer

Essstörung oder einer anderen Abhängigkeit. Eine ernste Angelegen- heit also.

Hanna selbst sieht das aber an- ders: „Es ist wie eine unsichtbare Droge“,

sagt die 20-Jährige. „Das Shoppen beruhigt mich, es hilft mir abzuschalten.“

Es vergeht kaum ein Monat, in dem sie nicht etwas geshoppt hat. Manchmal,

erzählt sie, gehe sie mehrmals im Monat einkaufen. Ein Limit, das sie sich selbst setzt,

wird dabei oft überschritten. Der Konsumrausch ist eben doch oft größer als erwartet.

Aber woran er- kennt man eigentlich eine Kauf- sucht?

Anja Hirth erklärt, dass eine Shoppingsucht auch eine Verhaltenssucht ist.

„Meistens ist es so, dass die Betroffenen sich permanent unüberschaubare

Mengen an Dingen kaufen, die sie sich eigentlich gar nicht leisten könnten“,

sagt sie. Das Wichtige, betont die Heilpraktikerin für Psychotherapie, sei das

Hochgefühl beim Einkaufen. Es lässt Probleme in den Hintergrund treten.

„Das Hochgefühl verfliegt allerdings auch wieder schnell “, be- schreibt Hirth.

Auch Hanna fühlt sich bei ihren unzähligen Stadttouren durch die Ulmer Innenstadt gut.

Aber sie ist sich sicher, dass sie noch alles unter Kontrolle hat. „Ich setze mir mein

finanzielles Limit selbst und würde es bei mir eher als ein positives Suchtbild bezeichnen.

Ich verfalle in diesen Shoppingrausch, komme

ber alleine wieder heraus“, erklärt sie. Denn sie überlegt, nach eigenen Angaben,

was in die Einkaufstüte kommt. Überlegtes Kaufen also. Und außerdem sei es ihr

eigenes Geld, das sie ausgibt, sagt Hanna. „Wer kann, der kann“,

meint die Industriekauffrau und grinst. Im Schnitt gibt sie monatlich mindestens 200 Euro aus.

Sie wandern in die Kassen zahlreicher Modekonzerne. Schulden hatte Hanna aber glücklicherweise noch nie.

Das ist aber nicht immer so, weiß

Anja Hirth. Wer unter dem Kaufzwang leidet, der gerät nicht selten auch in finanzielle Schwierigkeiten.

„Diese Menschen ziehen sich zurück, sie isolieren sich und machen Schulden“,

bestätigt sie. „Das ist ein Teufelskreis für die Süchtigen.“ Aber es gibt Hilfe.

Psychologische Beratungsstellen gibt es fast überall und auch die Caritas in

Ulm bietet spezielle Beratungshilfen an. Heut- zutage gibt es sogar Selbsthilfegruppen für Kaufsüchtige.

Und auch Anja Hirth wendet ihre psychologischen Methoden an, um jedes Jahr

etwa 40 bis 50 Kaufsüchtige in ihrer Praxis zu heilen. Es ist inzwischen fast eine Volkskrankheit.

Und die Anzahl der Betroffenen steigt stetig.

Ein Leben ohne diesen Rauschzustand? Für Hanna unvorstellbar.

„Das wäre trist, farblos, ideenarm. Mein Geldbeutel wäre gefüllt, aber mein Herz wäre leer“,

schmunzelt die 20-Jährige. „Und außerdem gibt es ja immer noch den Ladenschluss,

der einen dann einfach vor die Tür setzt, wenn es reicht“, sagt sie.

 

 

Fakten und Infos zum Thema Kaufsucht

● Was? Kaufsucht ist der innere Zwang, immer Einkaufen zu müssen.

Das Gefühl eines Zwangs, ohne den Be- such an der Ladenkasse etwas zu verpassen.

Meist steht die Sucht in Ver- bindung mit Depressionen.

● Warum? Hinter einer Kaufsucht steckt oft Sehnsucht und die Suche nach positiven

Gefühlen wie Anerkennung oder Bestätigung. Oft liegt die Wurzel der Sucht in

der Kindheit und der Suche nach Bestätigung.

● Wie? Bei der Bekämpfung der Kaufsucht können meist Psychologen helfen.

Meist steckt hinter der Krankheit mehr, als man denkt. Im Internet

gibt es viele Selbsttests, die einem verraten, ob man süchtig ist. (az)

 

 

Quelle:Illertissener Zeitung vom 2.10.14 Numer 227

 

 

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